⚛ Physik Leistungskurs · Klasse 12

Kochen mit
Elektromagnetismus

Ein Induktionsherd hat keine Flamme und keine heiße Platte – und trotzdem kocht er schneller als alles andere. Wie das geht? Reine Physik.

~90%Wirkungsgrad
20–100 kHzArbeitsfrequenz
2–3 kWHeizleistung
🍳

Wie funktioniert's?

Unter der Glaskeramik sitzt eine Kupferspule. Das ganze passiert in fünf Schritten.

  1. Wechselstrom in der Spule: Der Herd schickt hochfrequenten Wechselstrom (20.000–100.000 mal pro Sekunde) durch eine flache Kupferspule unter der Kochfläche.
  2. Wechselndes Magnetfeld: Der Strom erzeugt ein Magnetfeld – und weil der Strom sich ständig ändert, ändert sich auch das Magnetfeld ständig.
  3. Spannung im Topfboden: Das wechselnde Magnetfeld induziert eine Spannung im Topfboden (Faradaysches Induktionsgesetz). Das funktioniert nur bei Töpfen aus Eisen oder Stahl.
  4. Wirbelströme fließen: Die induzierte Spannung treibt kreisförmige Ströme (sogenannte Wirbelströme) durch den Topfboden.
  5. Wärme entsteht: Die Wirbelströme stoßen auf den elektrischen Widerstand des Metalls. Dabei entsteht Wärme direkt im Topf – nicht in der Platte.
Der entscheidende Unterschied

Bei einem normalen Elektroherd wird die Platte heiß, und die Wärme muss erst in den Topf übergehen – dabei geht viel verloren. Beim Induktionsherd entsteht die Wärme direkt im Topfboden. Die Kochfläche selbst bleibt kalt.

Die Physik dahinter

Drei physikalische Phänomene erklären, warum und wie der Induktionsherd funktioniert.

1. Faradaysches Induktionsgesetz
\[ \varepsilon = -N \frac{d\Phi}{dt} \]

Ändert sich das Magnetfeld \(\Phi\) durch eine Fläche, entsteht eine Spannung \(\varepsilon\). Je schneller die Änderung (hohes \(f\)), desto größer die Spannung – deshalb arbeitet der Herd mit hoher Frequenz. Das Minuszeichen kommt vom Lenz'schen Gesetz: Der induzierte Strom wirkt immer seiner Ursache entgegen – er bremst die Flussänderung. Das ist eine direkte Folge der Energieerhaltung.

2. Joulesche Wärme
\[ P = I^2 \cdot R \]

Fließt ein Strom \(I\) durch einen Widerstand \(R\), entsteht Wärme. Die Wirbelströme im Topfboden sind dieser Strom – der Widerstand des Metalls ist \(R\).

3. Skineffekt
\[ \delta = \sqrt{\frac{2\rho}{\omega\mu}} \]

Bei hohen Frequenzen fließen Ströme nur in einer dünnen Oberflächenschicht (Skintiefe \(\delta\)). Das erhöht die Stromdichte enorm – und damit auch die Heizleistung. Bei Eisen bei 50 kHz: \(\delta \approx 0{,}16\,\text{mm}\).

Variablen erklärt

SymbolBedeutungEinheit
\(\varepsilon\)Induzierte Spannung (EMK)V
\(\Phi\)Magnetischer Fluss (wie viel Feld durch den Topf)Wb
\(N\)Windungszahl der Spule
\(\delta\)Skintiefe (wie tief der Strom eindringt)m
\(\rho\)Spezifischer Widerstand des MaterialsΩ·m
\(\omega = 2\pi f\)Kreisfrequenzrad/s
\(\mu = \mu_0 \mu_r\)Magnetische PermeabilitätH/m
Warum hohe Frequenz?

Die induzierte Spannung ist proportional zur Frequenz: \(\varepsilon \propto \omega = 2\pi f\).

Bei 50 Hz (Netzstrom) wäre die Spannung viel zu klein. Deshalb wandelt ein Inverter den Strom auf 20.000–100.000 Hz um – das ist 400 bis 2000-mal höher als die Netzfrequenz.

Was ist ein Inverter?

Ein elektronischer Schaltkreis (IGBT-Transistoren), der den 50-Hz-Netzstrom in hochfrequenten Wechselstrom umwandelt. Er steuert auch die Leistung – je höher die Frequenz, desto mehr Wärme.

Der LC-Schwingkreis

Der Inverter betreibt die Spule nicht einfach mit irgendeiner Frequenz – sondern genau bei der Resonanzfrequenz eines LC-Schwingkreises. Im Inverter ist dafür ein Kondensator verbaut, der zusammen mit der Induktionsspule einen Schwingkreis bildet. Bei Resonanz ist die Leistungsübertragung maximal.

Resonanzfrequenz
\[ f_0 = \frac{1}{2\pi\sqrt{LC}} \]

Bei dieser Frequenz heben sich der induktive Widerstand der Spule (\(X_L = \omega L\)) und der kapazitive Widerstand des Kondensators (\(X_C = 1/(\omega C)\)) genau auf. Die Impedanz ist minimal – maximaler Strom fließt bei minimaler Verlustspannung.

Gütefaktor Q
\[ Q = \frac{\omega_0 L}{R} = \frac{1}{R}\sqrt{\frac{L}{C}} \]

Der Gütefaktor beschreibt, wie "scharf" die Resonanz ist. Hohe Q-Werte bedeuten: wenig Verluste, schmale Resonanzkurve, hohe Spannungen an Spule und Kondensator. Typische Werte beim Induktionsherd: \(Q \approx 5{-}20\).

Energie im Schwingkreis
\[ W = \frac{1}{2}LI_0^2 = \frac{1}{2}CU_0^2 \]

Die Energie pendelt zwischen Spule (magnetisch) und Kondensator (elektrisch) hin und her – ähnlich wie bei einem Pendel zwischen kinetischer und potentieller Energie. Verluste entstehen nur durch den ohmschen Widerstand \(R\).

Herleitung der Resonanzfrequenz

Bedingung: induktiver und kapazitiver Widerstand sind gleich groß.

\(X_L = X_C\)
\(\omega L = \dfrac{1}{\omega C}\)
\(\omega^2 = \dfrac{1}{LC}\)
\(f_0 = \dfrac{1}{2\pi\sqrt{LC}}\)
Warum Resonanz?

Außerhalb der Resonanzfrequenz "kämpfen" Spule und Kondensator gegeneinander – ein Teil der Energie wird nicht genutzt (Blindleistung). Bei Resonanz ist der Strom in Phase mit der Spannung: die gesamte Leistung geht als Wirkleistung in den Topf.

Phasenbeziehung

An der Spule eilt die Spannung dem Strom um 90° vor. Am Kondensator um 90° nach. Bei Resonanz heben sich beide auf – Strom und Spannung sind in Phase, Impedanz = R.

Wirkungsgrad & Vergleich

Induktionskochen ist die effizienteste Methode – weil die Wärme direkt dort entsteht, wo sie gebraucht wird.

Wirkungsgrad
\[ \eta = \frac{P_\text{nutz}}{P_\text{gesamt}} \]

Welcher Anteil der Energie kommt wirklich beim Kochen an? Induktion: ~88%. Gas: nur ~47% – der Rest geht als Abwärme verloren.

Vergleich der Herdarten

Induktion 85–90%
Ceranfeld 70–75%
Elektro (Heizspirale) 65–70%
Gas 40–55%
Eigenschaft Induktion Ceranfeld Gas
Wirkungsgrad85–90%70–75%40–55%
Wärme entstehtIm Topf selbstIn der PlatteIn der Flamme
Reaktionszeitsofortlangsamschnell
Kochfläche heiß?NeinJaJa
Rechenbeispiel: Wasser kochen

1 Liter Wasser von 20°C auf 100°C erhitzen:
\(Q = m \cdot c \cdot \Delta T = 1\,\text{kg} \cdot 4186\,\frac{\text{J}}{\text{kg·K}} \cdot 80\,\text{K} \approx 335\,\text{kJ}\)

Bei 2 kW Induktionsleistung: \(t = Q/P \approx 167\,\text{s} \approx 2{,}8\,\text{min}\)

Welcher Topf funktioniert?

Nicht jeder Topf funktioniert auf dem Induktionsherd. Zwei Eigenschaften entscheiden: das Material muss elektrisch leitfähig und ferromagnetisch sein.

Der einfache Test

Bleibt ein Magnet am Topfboden haften? → Induktionsgeeignet. Fällt er ab? → Nicht geeignet.

Material Ferromagnetisch? Skintiefe bei 50 kHz Geeignet?
Eisen / Gusseisen ✓ Ja (\(\mu_r \approx 200\)) ~0,16 mm ✓ Ideal
Edelstahl (ferritisch) ✓ Ja (\(\mu_r \approx 100\)) ~0,53 mm ✓ Gut
Aluminium ✗ Nein (\(\mu_r = 1\)) ~8,4 mm ✗ Nein
Kupfer ✗ Nein (\(\mu_r = 1\)) ~6,7 mm ✗ Nein
Edelstahl (austenitisch, z.B. V2A) ✗ Nein (\(\mu_r \approx 1\)) ~190 mm ✗ Nein
Warum Aluminium nicht funktioniert

Aluminium leitet Strom sehr gut – aber es ist nicht ferromagnetisch (\(\mu_r = 1\)). Dadurch ist die Skintiefe riesig (~8 mm), der Strom verteilt sich über den ganzen Boden, die Stromdichte bleibt gering, und es entsteht kaum Wärme.

Spezielle Induktions-Aluminiumpfannen

Manche Aluminiumpfannen haben eine eingeschweißte Eisenschicht im Boden. Das Aluminium leitet die Wärme dann gut weiter – aber die Wirbelströme entstehen nur in der Eisenschicht.

Hystereseverluste – ein Bonus-Heizeffekt

Bei ferromagnetischen Materialien entsteht neben den Wirbelströmen noch eine zweite Wärmequelle: das Magnetfeld muss den Topfboden 20.000–100.000 mal pro Sekunde ummagnetisieren. Das kostet Energie – die sogenannten Hystereseverluste.

Im B-H-Diagramm (Magnetisierungskurve) entspricht das der eingeschlossenen Fläche der Hystereseschleife. Die Verlustleistung ist proportional zu dieser Fläche und zur Frequenz: \(P_\text{Hyst} \propto f \cdot \oint H\,dB\).

Bei Gusseisen sind diese Verluste besonders groß – weshalb Gusseisenpfannen auf Induktion sehr effizient heizen.

Interaktive Rechner

Formeln selbst ausprobieren.

🧮 Skintiefe berechnen

Wie tief dringt der Strom bei einer bestimmten Frequenz in ein Material ein?

Formel: \(\delta = \sqrt{2\rho\,/\,(\omega\mu_0\mu_r)}\)  |  \(\omega = 2\pi f\)

🧮 Resonanzfrequenz berechnen

Der Inverter betreibt die Spule bei ihrer Resonanzfrequenz – dann ist die Leistungsübertragung am effizientesten.

Formel: \(f_0 = \dfrac{1}{2\pi\sqrt{LC}}\)  |  \(Q = \dfrac{\omega_0 L}{R}\)